Gefördert von
Ein Bild von den Referent:innen des Bildungsdialog 4.OWL: Dr.-Ing. Raphael Wortmann, Annette Mühlenhoff, Andre Wilms, Frank Frick, Wolfgang Marquardt, Dr. Maribel Illig, Stefan Höwekenmeier, Landrat Christoph Rüther und Caroline Wilke.

Gaben Impulse und Einblicke in die Praxis (v.l.): Dr.-Ing. Raphael Wortmann, Annette Mühlenhoff, Andre Wilms, Frank Frick, Wolfgang Marquardt, Dr. Maribel Illig, Stefan Höwekenmeier, Landrat Christoph Rüther und Caroline Wilke.

Bildung 4.OWL 20.10.2021

Berufliche Bildung als Basis für die digitale Zukunft

Bielefeld / Paderborn, 5. Oktober 2021 // Wie verändert die Digitalisierung die berufliche Bildung? Welche Kompetenzen benötigen die Fachkräfte der Zukunft und wie können wir sie in der Aus- und Weiterbildung vermitteln? Kaum ein anderes Thema beschäftigt den Bildungsbereich so wie die digitale Transformation der Arbeitswelt. Die Initiative Bildung 4.OWL der OstWestfalenLippe GmbH hat sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Bildungsakteuren in der Region die notwendigen Veränderungen entlang der Bildungskette zu gestalten. Wo genau hier die Bedarfe und Chancen liegen, wurde auf dem dritten Bildungsdialog 4.OWL diskutiert, zu dem die OstWestfalenLippe GmbH und der Kreis Paderborn in das Kreishaus und zu einem Livestream eingeladen hatten. Rund 110 Interessierte aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Leben bekamen Einblicke in aktuelle Herausforderungen für die berufliche Bildung und Lösungsansätzen, die bereits in der Praxis Anwendung finden.

Frank Frick, Director und Leiter des Programms Lernen fürs Leben bei der Bertelsmann Stiftung, unterstreicht die Bedeutung der digitalen Transformation der Berufswelt für die Bildung: „Ich glaube, es gibt kein Gewerk, das nicht gerade völlig durcheinandergewirbelt wurde oder wird, und wo die Anforderungen gerade nicht dramatisch steigen. Die Digitalisierung schafft neue und durchdringt traditionelle Berufe.“ Durch neue Technologien veränderten sich so auch die konkreten Aufgaben. „Da braucht es vor allem eines: Jugendliche, die damit umgehen können“, so Frank Frick.

Die Ziele sind also klar, ebenso jedoch die Herausforderungen. Während etwa die Affinität der jungen Generationen zu digitalen Medien hoch sei, liegt Deutschland in Bezug auf die digitale Kompetenz Jugendlicher im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Die Lösung: „Frühzeitig Digital Literacy erlernen; das beginnt in der Familie und geht weiter über die Schule. In den Berufsschulen kann dann darauf aufgebaut werden“, erklärt Frick. Um den Aufbau technischer Kompetenzen überhaupt erst zu ermöglichen, sei die technische Ausstattung der Schulen ein zentraler Punkt, an dem es heute oftmals noch mangele. Auch Stefan Höwekenmeier, Teamleitung Personal bei ELHA-MASCHINENBAU Liemke, wünscht sich eine möglichst frühzeitige Heranführung Jugendlicher an digitale Medien in der Lernwelt: „Es gibt viele Möglichkeiten – sei es Hardware, sei es Software – beim Lernen noch mehr digitale Technologien einzusetzen und zu nutzen. Damit umgehen zu können ist ganz entscheidend für junge Fachkräfte.“

Verbesserung der technischen Ausstattung, ja – aber dort, wo es sinnvoll ist

Annette Mühlenhoff, Schuldezernentin des Kreises Paderborn, betont jedoch, dass die Anschaffung neuer Technik alleine bei weitem nicht ausreiche: „Einen WLAN Access Point an die Wand zu schrauben, macht die Infrastruktur nicht zukunftstauglich. Da ist viel konzeptionelle Arbeit erforderlich. Es müssen neue Berufsbilder von den Lehrkräften erst einmal entwickelt und zusammen mit der digitalen Technik in pädagogische Konzepte gegossen werden.“ Auch Dr. Maribel Illig, Geschäftsführerin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe, unterstreicht die Relevanz eines sinnvollen Einsatzes digitaler Technologien im Unterricht: „Wenn die Lehrkräfte das Gefühl haben, dass ihnen etwas hilft, besseren Unterricht zu machen, dann wird es eingesetzt; nicht einfach nur, weil es digital ist. An der Entwicklung entsprechender Konzepte arbeiten wir, aber es ist ein iterativer Prozess, bei dem nicht jeder Versuch zum Ziel führt.“ 

Die Pandemie hat gezeigt, wie es gehen kann. Im Frühjahr 2020 standen tausende Lehrkräfte vor der Herausforderung, in kürzester Zeit digitalen Unterricht können zu müssen – eine fundamentale Anpassung der gewohnten Lehrkonzepte war nötig. Die meisten Berufsschullehrer:innen waren damit überraschend erfolgreich: Laut Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) geben fast die Hälfte der Auszubildenden dem Homeschooling eine Note von gut oder sehr gut. „Ein tolles Ergebnis, wenn man bedenkt, dass die Berufsschullehrer:innen und Ausbilder:innen die Digitalisierung nicht unbedingt als Schwerpunkt in ihrer eigenen Ausbildung hatten“, resümiert Frank Frick. Erreicht wurde dieses gute Umfrageergebnis allerdings in erster Linie durch den informellen Austausch mit Kolleg:innen und das Selbststudium – eine Fähigkeit, die auch für junge Menschen immer wichtiger wird. Selbstorganisiertes Lernen ist ein zentrales Stichwort für die digitale Bildung der Zukunft, auf das Bildungseinrichtungen entlang der gesamten Bildungskette in zunehmendem Maße eingehen: „Schüler:innen müssen Herausforderungen, Problemstellungen und Situationen analysieren und selbstständig überlegen, was sie tun müssen, um ans Ziel zu gelangen. Welche Schritte müssen gemacht, welche Informationen gesammelt werden? So lernen Schüler:innen, zu planen, und auf Basis der vorliegenden Situation begründete Entscheidungen zu treffen. Am Ende steht dann ein greifbares Ergebnis; das stärkt das Selbstvertrauen der jungen Menschen“, erklärt Dr.-Ing. Raphael Wortmann, Leiter des Carl-Miele-Berufskollegs in Gütersloh, die Vorgehensweise. Werden diese Grundkompetenzen verinnerlicht, haben junge Fachkräfte die nötigen Werkzeuge, um sich in einer sich schnell verändernden, digitalen Welt auch auf neue Berufsbilder und Aufgabenfelder einstellen zu können.

Know-How auf dem kürzesten Weg von der Praxis in die Lehre

Aber nicht nur die Auszubildenden müssen anpassungsfähig sein, auch das duale Ausbildungssystem an sich muss in immer kürzeren Abständen fachliche Veränderungen an Lehrinhalten didaktisch aufbereiten. Lösungsansätze dazu stellt Andre Wilms, Standortleiter Nord der Nachwuchsstiftung Maschinenbau, beim Bildungsdialog 4.OWL vor. Hier entstehen auf Basis enger Kooperationen zwischen Berufskollegs und Unternehmen einzigartige Lernumgebungen, in denen aktuellstes Know-How aus der Praxis direkt an die Schulen gegeben wird. Die Nachwuchsstiftung tritt dabei als Mittler auf, der das komplexe Fachwissen in niedrigschwelligen Qualifizierungsangeboten und Lehrmaterialien kondensiert anbietet – nicht nur für die Berufsschüler:innen, sondern auch für Lehrkräfte und Ausbilder:innen. Mit dem Projekt NRWgoes.digital engagiert sich die Nachwuchsstiftung Maschinenbau seit 2018 in einer landesweiten Qualifizierungsoffensive für Multiplikator:innen. In acht Modulen – allesamt thematisch aus dem Umfeld der Industrie 4.0 – können hier Berufsschullehrkräfte, Ausbilder:innen, Auszubildende und Schüler:innen auf das aktuellste Wissen namhafter Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen zugreifen. In der Projektlaufzeit von dreieinhalb Jahren sollen diese Module von 600 Multiplikator:innen und 1.000 Auszubildenden wahrgenommen werden. Hinter dem Projekt steht ein umfangreiches Partnernetz: „Daran sieht man, dass die Branche erkannt hat: Wir müssen etwas für die berufliche Bildung tun, denn letzten Endes tun wir damit etwas für uns selbst“, erklärt Andre Wilms.

Christoph Rüther, Landrat des Kreises Paderborn, zieht ein positives Fazit der Diskussion und blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Die Relevanz dieser Thematik ist für uns alle unbestritten und durch die Pandemie nochmal verstärkt worden. Ich freue mich, dass sich so viele Partner für diese Thematik einsetzen und die berufliche Bildung so in der Region gefordert und gefördert wird. Die Grundsteine sind durch die Arbeitsgruppe Bildung 4.OWL und das Institut für berufliche Bildung OWL gelegt. Gewinnbringende Ideen und Projekte sind initiiert. Wichtig ist es, sich jetzt gemeinsam auf den Weg zu machen und weiterhin eine enge Kooperation zwischen den beteiligten und noch zu gewinnenden Partnern zu leben.“

OstWestfalenLippe 2025 – Neue Ansätze für die Regionalentwicklung

Die OstWestfalenLippe GmbH geht die Herausforderungen gemeinsam mit den Schulträgern der Kreise und der Stadt Bielefeld, den Berufskollegs, den Hochschulen und den Weiterbildungsnetzwerken in OWL an. „Mit unserer neuen Strategie OstWestfalenLippe 2025 wollen wir die Potenziale der Digitalisierung auch in der beruflichen Bildungskette nutzbar machen. Dazu haben wir bereits 18 Projekte auf den Weg gebracht“, erläutert Wolfgang Marquardt, Prokurist der OWL GmbH. „So bieten wir beispielsweise gemeinsam mit den zdi-Zentren und dem Bildungswerk der ostwestfälisch-lippischen Wirtschaft im Rahmen von MINT 4.OWL Jugendlichen in der Berufsorientierung eine Plattform, die die Arbeitswelt von morgen für sie begreifbar macht. Im Projekt Vernetzte Lernorte 4.OWL entwickeln Berufskollegs, Schulträger und Bezirksregierung gemeinsam pädagogische Konzepte für das Thema Digitalisierung und ermitteln Potenziale für die digitale Infrastruktur an den Schulstandorten. Bildungskarrieren flexibel zu gestalten und individuell passgenaue Bildungsangebote zu ermöglichen hat sich wiederum das Projekt Bildungsbrücken zum Ziel gesetzt, in dem TH OWL, Kreishandwerkerschaft und Kreis Lippe duale und akademische Ausbildung gemeinsam betrachten und flexible Übergänge gestalten.“