Zwischen Konzern und Mittelstand: Warum Alena Kuhlmeier Verantwortung neu denken wollte
Alena Kuhlmeier (40) ist Geschäftsführerin der insensiv develop, einer Tochtergesellschaft der Insensiv GmbH aus Bielefeld. Nach 15 Jahren in der Konzernwelt (zuletzt bei Bertelsmann im Bereich Investments und Wachstumsstrategie) hat sie sich bewusst für den Mittelstand entschieden. Bei der insensiv develop baut sie von Grund auf ein Venture-Building-Konstrukt auf: Technologien, die im Kerngeschäft entstanden sind, sollen passende Anwendungsbereiche finden und in eigenständige Unternehmen überführt werden. Diese Schnittstelle zwischen Mittelstand, Start-ups und Kapital prägt auch ihr Engagement im Vorstand des Teuto Seed Clubs, dem ersten Investorennetzwerk in OWL. Was sie antreibt, ist kein Karriereplan im klassischen Sinne, sondern die Überzeugung, dass echte Gestaltung nur dort entsteht, wo man wirklich Verantwortung trägt. Neben ihrem Grundvertrauen stützt sie sich auf ihr Motto nach Pippi Langstrumpf: „Habe ich noch nie gemacht, also geh ich davon aus, dass ich das kann“.

Du warst 15 Jahre im Konzern. Was hat dich dazu bewogen, in den Mittelstand zu wechseln?
Das Stichwort ist Gestaltungsspielraum. Im Großkonzern ist der begrenzt. Nicht, weil die Menschen dort nicht wollen, sondern weil die hierarchischen Strukturen es so mit sich bringen und das Engagement ausbremsen. Ich wollte irgendwann nicht mehr nur innerhalb dieses Systems navigieren, sondern wirklich selbst gestalten und etwas aufbauen.
Im Herbst 2024 habe ich diesen Prozess intensiv mit einer Coachin begleitet. Dabei wurde für mich immer klarer, was mir im nächsten beruflichen Schritt wichtig ist: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und Dinge vorantreiben.
Die Stelle kam gar nicht über eine Ausschreibung zustande. Wie ist der Kontakt entstanden?
Über mein Netzwerk. Eine Bekannte hat mich mit Christian Gieselmann, dem Inhaber der insensiv, zusammengebracht, der sich gerade entschieden hatte die insensiv develop zu gründen. Wir haben uns bewusst viel Zeit genommen, um herauszufinden, ob das fachlich und menschlich passt. Von Anfang an war klar, dass ich perspektivisch in die Geschäftsführung der insensiv develop einsteigen soll. Christian ist stark eingebunden im Kerngeschäft von insensiv und wollte sich in der insensiv develop stärker auf die technische Seite konzentrieren. Daher suchte er jemanden, der die strategische und organisatorische Verantwortung übernimmt.
Was genau macht die insensiv develop?
Die Insensiv GmbH entwickelt im Kerngeschäft Rücknahmetechnik, also Systeme für die Pfandrückgabe. Über die Jahre sind dort aber auch viele weitere technologische Ideen entstanden, die im Tagesgeschäft nicht weiterverfolgt werden konnten. Genau dort setzt die insensiv develop an.
Mein Auftrag ist es, diese Technologien aus den Bereichen Bildverarbeitung, Robotik und autonome Systeme strategisch weiterzuentwickeln und daraus neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Im Prinzip geht es darum, im Unterschied zu inkrementeller Produkt-Innovation im Kerngeschäfts mit der insensiv develop ganz neue Potenziale zu schöpfen und Produktideen dabei in eigenständige Unternehmen zu überführen.
Du wirkst sehr strategisch und gleichzeitig offen für Veränderung. Wie passt das zusammen?
Ich reflektiere sehr viel und schaue meistens strategisch nach vorne. Gleichzeitig bin ich jemand, der Veränderungen mag. Für mich braucht Veränderung aber Orientierung. Ich sage immer: Ich muss erst einmal einen Leuchtturm aufstellen und definieren, worauf wir eigentlich zusteuern wollen.
Ich arbeite gerne mit Leitplanken und klaren Strukturen. Nicht, um alles starr durchzuplanen, sondern um innerhalb dieses Rahmens flexibel handeln zu können. Ein Plan bedeutet für mich nicht, dass man ihn um jeden Preis exakt einhalten muss. Aber man braucht eine Richtung.
Ein Coach hat mir dazu einmal ein Bild mitgegeben, das mir bis heute im Kopf geblieben ist: Wenn ich weiß, dass ich an die Nordsee möchte, dann muss ich nicht die schnellste Route nehmen. Ich kann Umwege fahren, anhalten oder spontan die Strecke ändern. Aber ich sollte irgendwann merken, wenn ich plötzlich Richtung Mittelmeer unterwegs bin.

Du warst vermutlich in deiner Branche oft viele Jahre die einzige Frau im Raum. Wie hast du das erlebt?
Gerade in Bereichen wie Logistik oder IT war das lange die Realität. Interessanterweise habe ich das nicht nur als Nachteil erlebt. Natürlich gibt es Situationen, in denen man sich beweisen muss. Gleichzeitig fällt man aber auch auf und das kann man durchaus positiv nutzen.
Mit der Zeit musste ich allerdings lernen, mich nicht über dieses „anders sein“ zu definieren. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr die junge Kollegin ist, der man gerne hilft, sondern an dem man selbstverständlich den Raum einnimmt und sagt: Ich gehöre hier hin. Ich habe meine Rolle, meine Kompetenz und meinen Beitrag.
Besonders wichtig waren für mich dabei Menschen, die Potenzial gesehen und mich gefördert haben. Mentoring, Netzwerke und ehrlicher Austausch haben meinen Weg stark geprägt.
Was bedeutet gute Führung für dich?
Für mich hat Führung sehr viel mit Vertrauen und Beziehungen zu tun. Ein ehemaliger Mentor hat mir etwas mitgegeben, über das ich immer wieder nachdenke: Bei Beziehungen ist es wie mit einem Konto – wenn man nicht erst etwas einzahlt, kann man später auch nichts abheben. Beziehungen müssen aufgebaut werden, bevor man Unterstützung oder Leistung einfordern kann.
Außerdem war ich mir nie zu schade, selbst mit anzupacken. Wenn Projekte unter Druck geraten sind, habe ich den Stress nicht einfach weitergegeben, sondern mich bewusst mit ins Team gesetzt. Das verändert die Dynamik. Menschen merken, ob man Verantwortung wirklich mitträgt oder nicht.
Ich glaube außerdem daran, Mitarbeitenden etwas zuzutrauen. Viele wachsen erst dann wirklich über sich hinaus, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen und die Möglichkeit bekommen, sich auszuprobieren. Führung ist für mich deshalb kein reiner Karriereschritt, sondern ein echtes Leidenschaftsthema.
Welchen Rat würdest du jungen Frauen für ihren beruflichen Weg geben?
Ich finde es schwierig, allgemeine Ratschläge zu geben. Aber ich würde Frauen bestärken, noch mehr auf ihr eigenes Gefühl zu hören und sich nicht zu sehr daran zu orientieren, was vermeintlich strategisch oder gesellschaftlich erwartet wird.
Natürlich sollte man realistisch auf Karrierewege, Entwicklungsmöglichkeiten oder finanzielle Perspektiven schauen. Aber am Ende ist es wichtig, etwas zu finden, das wirklich zu einem passt. Ich glaube, dass langfristige Zufriedenheit vor allem dort entsteht, wo Interesse, Motivation und persönliche Werte zusammenkommen.
Und ich würde jedem empfehlen, sich Menschen zu suchen, die den eigenen Blick erweitern – sei es durch Coaching, Mentoring oder gute Netzwerke. Oft hilft schon ein Gespräch, um den eigenen „Leuchtturm“ wieder klarer zu sehen.

Das Interview führte Kim Lasche, Projektmanagerin im Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL
Fotos: Lena Beurskens, Kommunikationsmanagerin Arbeitsmarkt und Bildung OstWestfalenLippe GmbH
Die ECHT-Reihe „Bielefelder Frauen in der Wirtschaft“ ist eine Kooperation des Kompetenzzentrums Frau und Beruf OWL, der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH und der Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld.
