„Es hat sich einfach richtig angefühlt“
Britta Herbst (39) hat den Pioneers Club von Anfang an mit aufgebaut und damit einen Ort geschaffen, der heute aus Bielefeld kaum noch wegzudenken ist und inzwischen ein zentraler Baustein der Bielefelder Gründungs- und Innovationslandschaft geworden ist. Seit 2017 gestaltet sie als Co-Geschäftsführerin eine Begegnungsstätte, an welcher Startups, Freelancer und Unternehmen aus dem Mittelstand aufeinandertreffen. Der Pioneers Club ist ein „place to be“ für Coworking, Netzwerken und unternehmerische Weiterbildungen.
Im Gespräch erzählt sie von mutigen Entscheidungen, Herausforderungen, moderner Arbeitskultur und warum starke Netzwerke so wichtig sind.
Du bist Co-Geschäftsführerin im Pioneers Club. Was hat dich hierher geführt?
Ich war mehrere Jahre im Marketing und Vertrieb in der Immobilienbranche tätig. Für die Rolle im Pioneers Club wurde ich von mehreren Akteuren empfohlen und schließlich gezielt über einen unserer Gesellschafter auf Xing angeschrieben.
Entscheidend war für mich der Gestaltungsfreiraum und der Aufbau von etwas Neuem. Ich habe das Geschäftsmodell entwickelt, ein Team aufgebaut und den Standort strategisch ausgerichtet. Ich habe mich damals für diesen Schritt entschieden, weil ich gestalten und Verantwortung übernehmen wollte. Ich arbeite seit meiner frühen Jugend und suche immer neue Herausforderungen. Diese Haltung prägt meine Entscheidungen bis heute.

Das klingt nach einem mutigen Schritt.
Ja, mit der Entscheidung war auch ein Risiko verbunden. Nicht alle konnten sich damals vorstellen, dass ein solches Konzept in Bielefeld funktionieren würde. Auch für mich bedeutete das einen klaren Bruch in einem sicheren Umfeld, aber es hat sich einfach richtig angefühlt. Ich bin Bielefelderin, ich liebe unsere Stadt und wollte die wirtschaftliche Entwicklung der Region aktiv mitgestalten.
Was zeichnet den Pioneers Club aus?
Die Grundidee war es, einen Ort zu schaffen, an dem etablierte und junge Unternehmen zusammenkommen. Einen Ort, an dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, sich austauschen und voneinander lernen. Startups, Freelancer und Corporates beschäftigen sich hier mit Trendthemen und fokussieren Vernetzung, Zusammenarbeit und die Entwicklung neuer Ideen. Event- und Weiterbildungsformate beflügeln diesen Austausch und führen oft zu konkreten Kooperationen. Inzwischen ist der Pioneers Club ein Zuhause für Zukunft. Hier entstehen neue Projekte, Partnerschaften und Impulse für die regionale Wirtschaft. Solche Orte haben eine direkte Wirkung auf die Standortattraktivität.
Inwiefern?
Früher sind viele Talente nach Berlin oder in andere große Städte gegangen, weil ihnen genau solche Strukturen gefehlt haben. Auch die Unternehmenskultur galt oft als verstaubt. Heute kommen viele zurück oder bleiben nach dem Studium direkt hier und schätzen die flexiblere Arbeitswelt und die Offenheit der Unternehmen. Wenn ich höre, dass Menschen wegen solcher Entwicklungen bewusst in die Region zurückkehren, motiviert mich das sehr.
Rückblickend: Was war eure größte Herausforderung?
Ganz klar die Corona-Zeit. Für ein junges Unternehmen wie unseres war das eine echte Bewährungsprobe.
Unser Kern sind Begegnung, Austausch und Community. Von einem Tag auf den anderen mussten wir unser gesamtes Angebot neu denken. Wir haben digitale und hybride Formate entwickelt, Prozesse angepasst und unsere Community aktiv eingebunden. Dabei hat sich gezeigt, wie wichtig schnelle Entscheidungen, Anpassungsfähigkeit und ein belastbares Netzwerk sind.
Wir konnten viele Formate deutlich schneller umsetzen als klassische Organisationen und haben unsere Erfahrungen anschließend auch mit Partnerunternehmen geteilt. Gerade in dieser Phase war strategisches Community-Management entscheidend. Rückblickend hat uns diese Zeit unternehmerisch und organisatorisch stark geprägt.
Welche Veränderungen in der Arbeitswelt beobachtest du generell?
Die Arbeitswelt ist deutlich dynamischer geworden. Unternehmen müssen heute schneller auf Veränderungen reagieren und Mitarbeitende wünschen sich mehr Flexibilität, Eigenverantwortung und Sinn in ihrer Arbeit. Hierarchien werden flacher und Zusammenarbeit findet viel stärker auf Augenhöhe statt.
Ich beobachte außerdem, dass Netzwerke, Austausch und interdisziplinäres Arbeiten immer wichtiger werden. Innovation entsteht selten isoliert. Deshalb gewinnen Orte und Formate, die Menschen zusammenbringen, stark an Bedeutung.
Auch die Unternehmenskultur hat sich verändert. Früher standen Status und formelle Strukturen stärker im Vordergrund. Ich habe hier erlebt, wie Menschen anfangs mit Krawatte kamen, später lag diese im Auto und irgendwann wurde der entspannt der Hoodie getragen. Das klingt plakativ, steht aber auch für Kulturwandel. Arbeit ist heute flexibler, menschlicher und authentischer geworden.
Wie hast du das in der Vergangenheit persönlich erlebt?
Ich denke, früher gab es mehr Zwang, sich anzupassen, weil das Auftreten, die Kleidung und die Rollenbilder stärker bewertet wurden. Das hat Potentiale gehemmt und oft die eigentliche Leistung in den Hintergrund gerückt. Heute erlebe ich Arbeitsumfelder deutlich offener und authentischer. Menschen treten stärker mit ihrer Persönlichkeit auf. Führung wird weniger über Status definiert, sondern stärker über Haltung, Kompetenz und Kommunikation. Ob jemand im Blazer oder im Hoodie arbeitet, ist dabei nicht entscheidend. Diese Entwicklung ist aus meiner Sicht wichtig, weil sie Vielfalt sichtbar macht und unterschiedliche Perspektiven besser zur Geltung kommen.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aktuell ein großes Thema. Du bist Geschäftsführerin und Mutter. Was sind deine Ansichten zu dieser Thematik?
Ich sehe, dass wir insgesamt klare und realistische Bilder von Arbeit und Familie brauchen. In unserem Umfeld gehören unterschiedliche Lebensrealitäten selbstverständlich dazu, ob Kinderwagen im Meeting oder Hunde am Arbeitsplatz. Flexibilität im Alltag ist kein Sonderfall, sondern Teil moderner Zusammenarbeit. Kompetenz hängt nicht davon ab, ob jemand Kinder hat oder private Themen mitbringt. Im Gegenteil, Elternschaft bringt oft zusätzliche Fähigkeiten in Organisation, Priorisierung und Perspektivwechsel mit sich. Entscheidend sind die Strukturen, sie bestimmen, ob Vereinbarkeit gelingt oder nicht.

Du giltst als starke Netzwerkerin. Was sind deine Dos and Don’ts?
Netzwerken funktioniert für mich über Haltung, nicht über Taktik. Authentisch sein und zuhören. Zunächst einmal etwas geben und Beziehungen langfristig aufbauen.
Ich glaube sehr an den Gedanken: Helfen, verbinden, unterstützen – und irgendwann kommt vieles zurück.
Was ich schwierig finde, ist diese reine Vertriebshaltung. Wenn jemand sofort die Visitenkarte rausholt und nur schnell verkaufen möchte, funktioniert das selten langfristig. Es entsteht keine echte Verbindung. Nachhaltige Netzwerke entwickeln sich über Zeit und über echtes Interesse aneinander.
Was hättest du gerne früher gewusst, dass du jetzt anderen Frauen mitgeben möchtest?
Baut euch früh ein strategisches Netzwerk auf! Das kann bereits während des Studiums beginnen, im Sportverein, über Nebenjobs oder im Ehrenamt.
Umgib dich mit Menschen, die dich stärken und nicht klein halten. Dein Umfeld hat direkten Einfluss auf deinen Mut und deine Entwicklung.
Und vor allem: Lasst euch nicht von den Ängsten anderer bremsen! Macht Entscheidungen weniger von der Meinung anderer abhängig. Es gibt immer Menschen, die erklären, warum etwas nicht klappt. Wenn ihr eine Vision habt und es sich richtig anfühlt, dann wagt den nächsten Schritt!
Das Interview führte Kim Lasche, Projektmanagerin im Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL
Fotos: Lena Beurskens, Kommunikationsmanagerin Arbeitsmarkt und Bildung OstWestfalenLippe GmbH
Die ECHT-Reihe „Bielefelder Frauen in der Wirtschaft“ ist eine Kooperation des Kompetenzzentrums Frau und Beruf OWL, der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH und der Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld.
