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Portrait

Svenja Gerdes ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der 4BUILD.Ing Automation GmbH.

Aufgewachsen in Ostwestfalen, zog es sie zunächst in die Welt hinaus: Sie studierte in Berlin, sammelte internationale Erfahrungen in Amsterdam und Johannesburg und lernte während ihres dualen Studiums bei IBM die facettenreiche Welt der Softwarebranche kennen. Nach ihrem Abschluss kehrte sie zu ihrem Partner in die Heimat nach Steinhagen zurück. Es folgte ein intensives und abwechslungsreiches Jahrzehnt bei der itelligence AG / NTT DATA Business Solutions AG. Bis der Wunsch nach dem nächsten großen Schritt wuchs. Gemeinsam mit drei Mitstreitern gründete sie schließlich die 4BUILD.Ing Automation GmbH, die „Gebäudeautomation auf den Punkt“ bringt und digitale Prozesse neu denkt.

In ihrer beruflichen Laufbahn hat Svenja Gerdes viel darüber gelernt, was Menschen wachsen, und sie motiviert arbeiten lässt. Teilzeit betrachtet sie dabei ausdrücklich nicht als Karrierekiller. Ganz im Gegenteil: Elternzeit verändert – und zwar zum Positiven. Die dabei erworbenen Fähigkeiten sind ein echter Mehrwert und sollten gesellschaftlich deutlich höher anerkannt werden. Unternehmen, die Vereinbarkeit ernsthaft verbessern wollen, rät sie dazu, ihren Mitarbeitenden mehr zuzutrauen und auf Eigenverantwortung zu setzen. Außerdem betrachtet sie konsequentes Change-Management als entscheidende Grundlage für das Gelingen digitaler Transformation.

 

Wie bist du zur IT-Branche gekommen?
Zunächst eher zufällig. Ich habe in Berlin an der Hochschule der Wirtschaft „International Business Administration“ studiert. Dabei war mir vor allem die Internationalität wichtig. Mein dualer Unternehmenspartner war IBM. Ich habe in verschiedenen Abteilungen an unterschiedlichen Standorten gearbeitet. Praxis und Studium haben sich alle drei Monate abgewechselt. Ich habe Gefallen an der IT gefunden, weil ihr immer eine Logik zugrunde liegt. Außerdem habe ich immer schon gerne mit Menschen zusammengearbeitet. 

Nach dem Studium hat es dich wieder in die Heimat verschlagen. Wieso?
Mein Partner hatte bereits einen Job hier und nach den vielen Umzügen während des Studiums war es schön, wieder Wurzeln zu schlagen. Ich mag Ostwestfalen-Lippe, besonders die Natur. Außerdem habe ich hier mein Pferd, Freunde und meine Familie.

Danach hast du eine Stelle bei der itelligence AG angetreten. Was hat dich an der Arbeit dort fasziniert?
Zunächst habe ich in der SAP-Beratung gearbeitet. Das war sehr spannend, weil ich ständig neue Unternehmen, Menschen und Systeme kennengelernt habe. Ich fungierte oft als „Übersetzerin“ zwischen Anwender*innen aus dem Fachbereich und unseren Entwickler*innen.

In der Branche spielen Social Skills eine große Rolle. Besonders bei der Einführung neuer technischer Systeme ist es wichtig, zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und Ängste zu erkennen. Die Menschen müssen abgeholt werden. Digitale Transformation gelingt nicht ohne Change-Management.

Parallel zur SAP-Beratung habe ich im bei der NTT DATA Business Solutions AG ein Trainee Programm für Junior Consultants mitentwickelt und betreut. Nach einigen Jahren habe ich dann eine Teamleitungsrolle für Junior Consultants übernommen und konnte so noch ganzheitlicher am Konzept der Aus- und Weiterbildung mitarbeiten.
Das klingt spannend. Was ist deiner Meinung nach wichtig bei der Nachwuchsförderung?
Es hat mir wirklich viel Freude bereitet. Für mich war Nachwuchsförderung schon immer mehr als nur klassische Schulungen. Mir ging es darum, ein praxisnahes Lernumfeld zu schaffen. In unserem Ausbildungsprogramm arbeiteten wir deshalb bewusst mit Case Studies und simulierten Kundensituationen, denn so lernt man am meisten und gewinnt Sicherheit.
Neben dem fachlichen Wissen stand die persönliche Entwicklung im Fokus: Die jungen Kolleg*innen sollten die Möglichkeit haben, Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen und zu erleben, wie Projekte in der Praxis funktionieren und das in einem sicheren Raum ohne Leistungsdruck.

Wie hast du die Veränderung als Arbeitnehmerin erlebt, als das Thema Familie hinzukam?
Als ich schwanger wurde, habe ich das direkt offen angesprochen. Mein Plan war, nach der Elternzeit mit den gleichen Ambitionen wieder einzusteigen, die ich auch vorher in meinem Job hatte. Ein älterer Kollege hat mir damals den Rat gegeben, das noch einmal zu überdenken, da meine Tätigkeit bis dato viele Reisetermine beinhaltete. Dieser Rat war gut gemeint, hat mich zunächst aber eher irritiert. Zum Glück hatte ich Netzwerke wie Crossmentoring OWL und die unternehmensinterne Diversity-Initiative, die mich unterstützten, meinen eigenen Weg zu gehen.

Letztlich hat mir auch die Corona-Pandemie in die Karten gespielt. So konnte ich meinen Job als Projektleitung nach der Elternzeit viel flexibler gestalten als es vorher denkbar gewesen wäre und die Zeit bis zur Geburt meines zweiten Kindes größtenteils von zuhause ausarbeiten. In meiner zweiten Elternzeit habe ich mich dann intern auf eine Teamleitungsposition beworben und bin mit einer Teilzeitstelle von etwa 60 % wieder eingestiegen.

Für dich ist Führung in Teilzeit also kein Widerspruch?
Nein, das ist ein altes Gedankenmuster. Führung in Teilzeit ist vor allem eine Frage der Organisation. Allerdings haben die projektbasierten Strukturen die Planung der Arbeitszeit damals erleichtert. Das ist in anderen Jobs vielleicht nicht immer so.

Hat dich das Muttersein als Teamleiterin verändert?
Absolut. Meine Organisationsfähigkeiten haben sich weiterentwickelt und ich trage Verantwortung nun noch bewusster. Außerdem habe ich einen positiven Einfluss auf meine Effizienz und Produktivität bemerkt – das wird vielen Eltern so gehen. Prioritäten zu setzen, wird automatisch zur täglichen Übung.

Auch die Kommunikation hat sich verändert. Zwar habe ich schon zuvor darauf geachtet, bei Kund*innen Fachbegriffe zu vermeiden, doch die Interaktion mit meinen Kindern hat mich zusätzlich darin geschult, Dinge klar und einfach auszudrücken. Kinder scheuen sich nicht, offen zu sagen, wenn sie etwas nicht verstehen. Ein besseres Kommunikationstraining gibt es kaum.

Wie kann deiner Meinung nach das Verständnis von Vereinbarkeit und Karriere verändert werden?
Vorbilder spielen dabei eine zentrale Rolle. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels verändern sich auch die Rollenbilder. Dieser Prozess ist zwar langsam, aber spürbar. Wenn ich an die Generation meiner Mutter denke, dann war vieles noch gar nicht denkbar.

Jetzt liegt es an uns, diesen Wandel weiter voranzutreiben, neue Modelle auszuprobieren und zu zeigen, dass sie funktionieren. Nur weil etwas früher so war, muss es nicht so bleiben.

Welchen Ratschlag kannst du Unternehmen geben, die ihren Mitarbeitenden eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen möchten?
Die Vereinbarkeit sollte individuell betrachtet werden, nicht mit Standardlösungen. Ich rate zu mehr Vertrauen und dazu, Eigenverantwortung zu ermöglichen. Menschen kennen ihre eigene Lebenssituation am besten und können am besten einschätzen, wie sie arbeiten möchten. Pauschale Annahmen zu fehlender Motivation und Leistungsbereitschaft finde ich schwierig. Es mag zwar immer Ausnahmen geben, aber ich bin davon überzeugt, dass Mitarbeitende in der Regel gute Arbeit leisten wollen.

Motivation entsteht durch Vertrauen, Raum zur Mitgestaltung und Wertschätzung. Meiner Erfahrung nach führen flexible Arbeitszeitmodelle zu einer höheren Effizienz. Wenn Mitarbeitende entlastet sind, arbeiten sie fokussierter, zufriedener und produktiver.

Wie oben schon kurz angerissen, habt ihr im letzten Jahr ein eigenes Unternehmen gegründet. Wie kam es dazu?
Da sind mehrere Elemente zusammengekommen. Ich war schon länger in demselben Unternehmen tätig und habe mich gefragt, welcher der nächste Schritt für mich sein könnte. Parallel dazu wurde die Firma meines Mannes Teil eines größeren Konzerns. Er und zwei Kollegen identifizierten sich mit der Zeit immer weniger mit dem Unternehmen. Sie haben aber sehr gerne zusammengearbeitet. Wir haben darüber gesprochen und die Idee entwickelt, zu viert ein neues Unternehmen zu gründen.

Habt ihr also alles auf eine Karte gesetzt?
Das kann man so sagen. Natürlich ist es ein Risiko, mit seinem Partner ein Unternehmen zu gründen; weder soll die Beziehung dabei in die Brüche gehen, noch darf das Geld fehlen, um den Kredit fürs Haus abzuzahlen. Aber es hat sich einfach richtig angefühlt. Wir schätzen den Gestaltungsspielraum, die flachen Hierarchien und die schnellen Entscheidungswege. Außerdem ermöglicht es uns eine andere Art von Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Was macht euer Unternehmen?
Wir sind auf die Gebäudeautomation für gewerbliche Immobilien spezialisiert. Das nennt sich MSR-Technik (Mess-, Steuer- und Regelungstechnik). Wir sind das „Smart Home“ für Unternehmen. Wir bedienen viele verschiedene Anwendungsfelder wie die intelligente Regelung von Heizung, Lüftung und Klimatisierung.
Unser Ziel ist es, unseren Kund*innen einen besseren Komfort, mehr Energieeffizienz und niedrigere Betriebskosten zu bieten.

Abschließend würde ich gerne wissen, welchen Rat du jungen Frauen geben kannst, die ihre Karriere selbst in die Hand nehmen wollen.
Ich würde ihnen raten, stärker auf ihr eigenes Gefühl zu hören und sich zu trauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch wenn dieser nicht den gängigen Erwartungen entspricht. Anstatt sich an gesellschaftlichen Rollenbildern zu orientieren, geht es darum, eigene Lösungen zu finden, die zur persönlichen Lebenssituation passen.
Dabei ist mir wichtig zu sagen: Eigenverantwortung heißt nicht, dass man alles allein tragen muss oder strukturelle Hürden ignorieren sollte. Trotzdem lohnt es sich, für das einzustehen, was einem wichtig ist, dranzubleiben und sich nicht vorschnell damit abzufinden, dass Dinge „eben so sind“.

Sehr geholfen haben mir außerdem Austausch und Netzwerke. Mentoring und der Kontakt zu Menschen aus anderen Branchen und mit unterschiedlichen Lebensläufen erweitern den eigenen Blick, geben Rückhalt und helfen dabei, den eigenen Weg immer wieder bewusst zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Die ECHT-Reihe „Bielefelder Frauen in der Wirtschaft“ ist eine Kooperation des Kompetenzzentrums Frau und Beruf OWL in Trägerschaft der OstWestfalenLippe GmbH, der WEGE - Wirtschaftsförderung für Bielefeld und der Gleichstellungsstelle Stadt Bielefeld.

Das Interview führten Kim Lasche, Projektmanagerin und Lena Beurskens, Mitarbeiterin Kommunikation beide Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL

ECHT-Reihe "Bielefelder Frauen in der Wirtschaft"