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Wie WAGO die Verbindungsklemme neu erfunden hat

Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, den CO₂-Fußabdruck Ihrer Produkte verringern zu müssen. Dabei spielt die Auswahl des Materials eine wesentliche Rolle. Bei WAGO löste hier eine kleine Idee eine große Veränderung aus: Ein Projekt zweier dualer Studentinnen wurde zur Initialzündung und mündete schließlich in die Entwicklung einer neuen Produktlinie im Portfolio des Unternehmens: der WAGO Green Range. Erstes Pilotprojekt war die traditionsreiche WAGO Verbindungsklemme mit Hebeln der Serie 221. Und auch wenn am Ende der Erfolg stand – der Weg war nicht immer linear, sondern geprägt von Mut, Teamgeist und Experimentierfreude.

Auf einen Blick

Nachhaltigeres Material, gleiche Leistung: Die Green Range 221 besteht anteilig aus biozirkulären und recycelten Kunststoffen - bei voller technischer Gleichwertigkeit zur Originalklemme

Teamübergreifende Innovation: Das Projekt vereinte Mitarbeitende aus Einkauf, Technik, Qualität, Sustainability, Marketing und mehr – und stärkte die Innovationskultur im Unternehmen.

Positive Marktresonanz: Durch das CO₂-sparende Produkt erschließt WAGO neue Marktpotenziale bei Kund:innen mit hohen Nachhaltigkeitsansprüchen und öffentlichen Ausschreibungen.

Studentisches Projekt als Initialzündung

"Die Idee entstand während eines praxisbezogenen Projekts im dualen Studium", erinnert sich Meike Beimstroh, heute im Produktmanagement bei WAGO tätig. Gemeinsam mit ihrer damaligen Kommilitonin und heutigen Kollegin Sina-Marie Schneider beschäftigte sie sich mit chemischem Recycling. „Wir haben herausgefunden, dass man aus Joghurtbechern aus dem gelben Sack durch Pyrolyse wieder Naphta gewinnen kann – ein Ausgangsstoff für neue Kunststoffe.“

Was zunächst nach einem akademischen Gedankenspiel klang, entpuppte sich schnell als relevanter Ansatz für die Industrie. Beimstroh und Schneider entwickelten ein Konzept, wie solche recycelten Materialien in industrielle Serienprodukte überführt werden könnten. Im internen Innovationsprogramm WAGO Kickbox haben die Kolleginnen ihre Idee dann weiterentwickelt – ausgestattet mit einem Startbudget von 1.000 € und mit ausdrücklicher Unterstützung durch die Geschäftsleitung. „Nachhaltigkeit ist bei WAGO einer unserer Unternehmenswerte. Dazu haben wir ein Programm mit sechs Schlüsselthemen aufgebaut“, erklärt Kathrin Sawatzky aus dem Bereich Corporate Sustainability. Kreislaufwirtschaft ist eines davon – entsprechend gut passte die Idee von Beimstroh und Schneider auch zur WAGO-Strategie.

Die Umsetzung: Gemeinsam Neuland betreten

Das Projekt entwickelte sich schnell zu einem organisationsweiten Kraftakt. Einkauf, Technologie, Qualitätssicherung, Sustainability, Vertrieb, Marketing und viele mehr – alle Bereiche waren beteiligt. „Das war nur möglich, weil wir ein Team hatten, das für das Thema brannte", so Beimstroh. Die Herausforderungen waren vielfältig: Neue Lieferketten, veränderte Produktionsparameter, zusätzliche Prüfprozesse und Zertifikate. Auch das Controlling musste umdenken, um die neuen Stoffströme korrekt zu bewerten, so Beimstroh weiter: „Wir haben Material verwendet, das zuvor noch nie auf dem Markt war und waren die ersten, die es in ein Produkt implementiert haben.“

Die Entscheidung, die bekannte Verbindungsklemme der Serie 221 zur nachhaltigen Neuinterpretation auszuwählen, wurde ganz bewusst getroffen: „Die 221 ist eines unserer bekanntesten Produkte weltweit“, sagt Beimstroh. „Wenn wir hier zeigen, dass Nachhaltigkeit funktioniert, hat das Strahlkraft.“ Die technischen Anforderungen waren jedoch hoch. Die Klemme musste auch in der neuen Ausführung elektrisch sicher, mechanisch belastbar und mit bestehenden Produkten kompatibel bleiben. Eine 1:1-Austauschbarkeit war das erklärte Ziel.

Die Materialsuche: Biobasiert und recycelt – aber leistungsfähig

Die Suche nach geeigneten Materialien wurde zum Herzstück des Projekts. Im Fokus standen die Hebel und das Gehäuse der Verbindungsklemme. Für die Hebel setzt WAGO auf ein Polybutylenterephthalat (PBT), dass zu 27 % aus Post-Consumer-Rezyklat, etwa recycelten PET-Flaschen, besteht. Dafür wird durch das Zugeben einer chemischen Lösung das Terephtalat – das T aus der Abkürzung PET – von den restlichen Bestandteilen getrennt und einem konventionell aus fossilen Rohstoffen hergestellten Mix beigegeben.

Das Gehäuse besteht hingegen aus einem biozirkulären Polycarbonat (PC), das zu 77 % aus biobasierten Reststoffen besteht. „Das Herstellungsverfahren hinter den biozirkulären Kunststoffen ist massenbilanziert.“ erklärt Beimstroh. „Der biozirkuläre Anteil liegt heute noch nicht bei 100 %, da es Molekülketten und Additive gibt, die sich heute noch nicht nachhaltiger ersetzen lassen. Daher werden biozirkuläre Anteile, etwa aus Tallöl, Altfett und Speiseölrückständen, und fossile Anteile gemischt.“ Das massenbilanzierte Verfahren wurde durch das Zertifizierungsinstitut ISCC zertifiziert und ermöglicht eine transparente Rückverfolgbarkeit der Materialströme entlang der gesamten Lieferkette.

„Wir hatten anfangs keine Erfahrung mit ISCC PLUS", erinnert sich Sawatzky. „Wir mussten uns neue Expertise aneignen und Prozesse parallel aufbauen." Zusätzlich dazu wurde auch die Verpackung neugestaltet. Statt klassischem Karton setzt WAGO auf Graspapier mit einem Grasfaseranteil von bis zu 30 % und einem Recyclinganteil von rund 70 %.

Die Markteinführung: Glaubwürdigkeit und Transparenz

Ein zentrales Thema bei der Einführung war die Kommunikation mit dem Markt. „Wir wollten keine vagen Nachhaltigkeitsversprechen machen, sondern möglichst fundierte Aussagen treffen", betont Beimstroh. Durch die Neuartigkeit des Produktes war das jedoch gar nicht so leicht: „Der genaue Product Carbon Footprint lag zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht vor, weil wir das notwendige Datengerüst noch nicht hatten – das haben wir den Kunden zu Beginn auch aktiv kommuniziert.“ Neben der ISCC-Zertifizierung wurde eine eigene Landingpage erstellt, FAQs beantwortet und offengelegt, wo Daten noch im Aufbau waren. „Diese Offenheit wurde sehr positiv aufgenommen", so Beimstroh.

Besonders gefragt war das neue Produkt bei Kund:innen mit hohen Nachhaltigkeitszielen oder öffentlichen Ausschreibungen. „Besonders aus der Gebäudebranche sehen wir eine hohe Nachfrage, aber auch viele Händler legen Wert darauf, als nachhaltig gekennzeichnete Produkte in ihren Shops anbieten zu können“, erläutert Sawatzky. Die Möglichkeit, ein nachhaltiges Produkt mit technischer Gleichwertigkeit einzusetzen, sei für viele Kunden ein echtes Argument, um so auch die eigene CO₂-Bilanz zu verbessern. Trotz eines material- und produktionsbedingten Preisaufschlags finde die Klemme so Absatz.

Die Learnings: Was andere Unternehmen mitnehmen können

Was bleibt aus Sicht der Projektbeteiligten? „Man braucht ein Team, das sich für das Thema begeistern kann – und den Mut, einfach mal anzufangen", sagt Beimstroh. „Man weiß zu Beginn nie alles. Aber mit Engagement, fachlicher Breite und etwas Hartnäckigkeit kann man viel bewegen." Auch Sawatzky betont die Bedeutung einer strategischen Nachhaltigkeitsperspektive: „Es braucht interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber auch klare Nachhaltigkeitsexpertise – etwa bei LCA-Bewertungen oder der Frage, was man in der Kundenkommunikation verantwortungsvoll sagen kann."

Die WAGO Verbindungsklemme mit Hebeln Green Range ist nicht das Ende, sondern der Anfang. „Wir wollen die Erfahrungen, die wir bei unserer Green Range gemacht haben, nutzen und bei jedem neuen Schritt weiter lernen", sagt Beimstroh – neue Schritte, die bereits gegangen werden: „Wir haben das Green Range 221 Portfolio im Mai 2025 ausgebaut und bieten neben der Verbindungsklemme mit Hebeln 4mm² jetzt auch die 221 6mm² und 221 Durchgangsverbinder mit Hebel an.“