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Energie neu denken: Wie Fichtner & Schicht Effizienz zum Wettbewerbsvorteil macht

Seit mehr als fünf Jahrzehnten fertigt Fichtner & Schicht hochpräzise Werkzeuge und Bauteile für die Automobil- und Luftfahrtindustrie. Das Familienunternehmen aus Schlangen nutzt dafür die Galvanoformung, bei der Metalle elektrolytisch abgeschieden werden. Geschäftsführer Tim Stricker, 32 Jahre alt, nennt es augenzwinkernd „das älteste 3D-Druckverfahren der Welt“. Als er gemeinsam mit seinem Bruder Jan und Markus Tack die Geschäftsführung vom Vater übernahm, ging es nicht nur um die Fortführung eines traditionsreichen Betriebs, sondern auch um eine gewisse Neuausrichtung.

Auf einen Blick

30 % weniger Zukauf von Energie seit 2021: Durch kluge Prozessoptimierung und eigene Erzeugung.

Bis 2030 CO₂-neutral: Mit Fokus auf Eigenstrom, Abwärmenutzung und Mitarbeitereinbindung.

Lernbereitschaft als Antrieb: Austausch mit anderen Unternehmen bringt oft die besten Ideen.

Effizienz als Ausgangspunkt

Fichtner & Schicht sollte effizienter, klimafreundlicher und zugleich wirtschaftlicher werden. „Wir sind ein Familienunternehmen“, sagt Stricker. „Unser Ziel ist es, ein gesundes Unternehmen zu erhalten, das wir irgendwann an die nächste Generation übergeben können. Nachhaltigkeit ist für uns also kein Selbstzweck, sondern eine Frage des langfristigen Bestehens.“

Die galvanische Fertigung ist energieintensiv – und zugleich faszinierend präzise. In mehreren aufeinanderfolgenden Prozessschritten wird ein leitfähiges Urmodell in elektrolytische Bäder getaucht, in denen sich Metalle – meist Nickel – Schicht für Schicht abscheiden. Über Stunden oder Tage entsteht so eine millimetergenaue Metallform, die anschließend vom Urmodell getrennt und weiterverarbeitet wird. Das Verfahren erlaubt äußerst feine Strukturen und komplexe Geometrien, erfordert aber konstante Temperaturen, genau eingehaltene Stromdichten und kontinuierliche Umwälzung der Flüssigkeiten – Faktoren, die viel Energie verbrauchen.

Doch genau darin sah Stricker die größte Chance: Wer viel verbraucht, kann auch viel einsparen. Gemeinsam mit einem externen Energieberater – gefördert mit 80 Prozent staatlicher Unterstützung – nahm das Unternehmen alle Verbraucher genau unter die Lupe.

Abwärme wird zur Wärmequelle

Die Analyse war der Ausgangspunkt für eine systematische Umstellung. Zuerst wurden die größten Energieverbraucher identifiziert und bewertet, anschließend Maßnahmen entwickelt, die ohne teure Investitionen auskamen. „Unsere oberste Regel lautete: erst Energie reduzieren, bevor man neue Technik anschafft“, erklärt Stricker. So wurden zunächst die Galvanikbecken isoliert und abgedeckt, um Wärmeverluste zu vermeiden. Pumpenleitungen erhielten eine Dämmung, Abwärme aus den Prozessen wurde zurückgeführt. Der Effekt war beachtlich: Im Vergleich zu 2021 sank der Zukauf von Energie um rund 30 Prozent – und das vor allem durch organisatorische und technische Feinjustierungen sowie die eigene PV-Anlage.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das Prinzip der Energieeffizienz bei der Kompressoranlage. Früher liefen zwei getrennte Systeme in den beiden Werken des Unternehmens, heute gibt es einen zentralen Hauptkompressor, der beide Hallen mit Druckluft versorgt. Seine Abwärme nutzt Fichtner & Schicht, um die Gebäude zu heizen. Die alte Gasheizung ist nur noch Reserve für Spitzenzeiten. „Viele unterschätzen, dass Kompressoren im Grunde große Heizkraftwerke sind“, sagt Stricker. Neben den eingesparten Kosten profitiert auch das Arbeitsklima: Durch geringere Luftfeuchtigkeit und niedrigere Temperaturen ist die Arbeit in den Hallen angenehmer geworden – ein Effekt, der sich auch auf Motivation und Gesundheit der Mitarbeitenden auswirkt.

Bis 2030 will Fichtner & Schicht CO₂-neutral wirtschaften – zunächst für die eigenen Emissionen aus Strom- und Wärmeverbrauch (Scope 1 und 2). Dabei helfen langfristige Verträge für grünen Strom sowie weitere Elektrifizierungsprojekte. Die restlichen Emissionen sollen durch gezielte Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen werden. Langfristig denkt Stricker auch an Kreislaufwirtschaft: Nickel, das in der Galvanoformung eingesetzt wird, könnte in Zukunft zurückgewonnen und wiederverwendet werden. „Das wäre meine Wunschvorstellung“, sagt er. „Aber dafür braucht es die Bereitschaft der großen Industriekunden, solche Modelle mitzutragen.“

Solarstrom mit Augenmaß

Auch Photovoltaik spielt in der Energieplanung eine wichtige Rolle. Die eigene Anlage deckt mittlerweile rund 18 Prozent des Strombedarfs, zusammen mit den Effizienzmaßnahmen ergibt das eine Gesamtreduktion von über 30 Prozent. Entscheidend ist die hohe Eigennutzungsquote: Mehr als 80 Prozent des erzeugten Stroms fließen direkt in die Produktion.

 „Wer heute Solarstrom einspeist, bekommt dafür gerade im Sommer kaum noch Geld. Wir müssen den Strom nach Börsenpreis verkaufen. Wenn viel PV-Strom da ist, müssen wir teils sogar dafür zahlen, wenn wir unseren einspeisen wollen“, erklärt Stricker. „Deshalb sollte man genau prüfen, wie viel man selbst verbraucht. Nur dann lohnt sich die Investition.“ Speicherlösungen seien derzeit noch zu teuer, doch Fichtner & Schicht beobachtet den Markt aufmerksam. „Sobald sich die Kosten und die Lebensdauer angleichen, werden Speicher ein Thema für uns.“

Beteiligung und Austausch

Stricker betont immer wieder, dass technologische Maßnahmen allein nicht ausreichen. Entscheidend sei die Haltung im Unternehmen. Mitarbeitende werden aktiv einbezogen, bringen eigene Ideen ein und übernehmen Verantwortung bei der Umsetzung. „Auch Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft sind wichtig“, erzählt er. „Manche davon waren echte Volltreffer, die wir direkt umgesetzt haben.“ Auch über die eigenen Werkstore hinaus setzt Stricker auf Offenheit und Austausch. Er ist in mehreren Netzwerken aktiv und berichtet gerne über Erfahrungen aus der Praxis. Ein Beispiel zeigt, warum sich das lohnt: „Ein Unternehmerkollege war zu Besuch und meinte beim Rundgang nur: ‚Wickel doch einfach Dämmung drum.‘ Das hat uns 800 Euro gekostet, hat sich nach zwei Wochen amortisiert und spart jedes Jahr tausende Kilowattstunden Strom. So einfach kann Effizienz manchmal sein.“ Diese Offenheit versteht Stricker als Grundprinzip. „Wissen zu teilen kostet nichts – aber es bringt allen etwas.“

Das Beispiel zeigt, wie ein mittelständisches Unternehmen mit technischer Vernunft, Teamgeist und Neugier Schritt für Schritt Richtung Klimaneutralität gehen kann. Entscheidend ist die Reihenfolge: erst verstehen, dann reduzieren, dann ersetzen. „Nachhaltigkeit verkauft sich nicht, weil sie gut klingt“, sagt Stricker. „Sie funktioniert, wenn sie wirtschaftlich ist.“ Und genau das beweist Fichtner & Schicht – mit klaren Zahlen, gesundem Pragmatismus und der Bereitschaft, dazuzulernen. Interessierte Unternehmen, die sich austauschen wollen oder Anregungen für eigene Effizienzprojekte suchen, sind bei Fichtner & Schicht ausdrücklich willkommen.