Gefördert von
ssssss
Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL 10.03.2022

Online-Seminar: Blick in die Zukunft - Familienbewusstsein stärken am 10. März 2022

Personalverantwortliche aus Unternehmen, Unternehmens- und Personalberaterinnen und –berater aus Bielefeld und Umgebung nahmen an der Online-Veranstaltung „Blick in die Zukunft – Familienbewusstsein stärken“ am 10. März 2022 teil. 

In ihrem Impulsvortrag referierte die promovierte Politikwissenschaftlerin und Vereinbarkeitsexpertin Dr. Regina Ahrens zunächst über die Ergebnisse einer Befragung, die sie 2019 und 2020 bei berufstätigen Eltern mit Kindern (mind. ein Kind unter 12 Jahre) durchgeführt hat. Darin wurde erhoben, ob und wie sehr sich Work-Family-Konflikte oder Family-Work-Konflikte vor und durch Corona verändert haben.

Die Befragung ergab, dass sowohl bei Vätern als auch Müttern eine leichte Erhöhung der jeweiligen Konfliktsituationen empfunden wird wegen der teils erheblichen Einschränkungen der externen Kinderbetreuung bzw. Schulschließungen; Väter schätzen die Work-Family-Konflikte grundsätzlich höher ein als die Family-Work-Konflikte. Gleichwohl bleibt das Verhältnis bestehen, dass Frauen in beiden Varianten ein leicht höheres Konfliktpotential empfinden als Männer. Die qualitative Befragung der teilnehmenden Eltern hat jedoch auch ergeben, dass verschiedene weitere Faktoren eine große Rolle spielen. Abgesehen von der Verfügbarkeit separater Arbeitsplätze innerhalb der Wohnung sowie der externen Unterstützung in der Kinderbetreuung bei geschlossenen Kitas und Schulen war ein Ergebnis der Studie, dass sich die Mütter in sämtlichen Fragen rund um die Kinderversorgung häufiger als erste Ansprechpartnerin fühlen. Dies wird auch als „mental load“ bezeichnet, der selbst bei nahezu paritätischer Teilung der Familienarbeit bei Müttern häufig höher ist als bei Vätern.

Die Vereinbarkeitsexpertin rät Unternehmen dazu, auch innerhalb des Unternehmens eine familiäre Atmosphäre zu schaffen und somit auch dort „doing family“ zu betreiben, da dies einen guten Rahmen für die Berücksichtigung aller Interessen bieten kann.

Ganz praktische Empfehlungen sind darüber hinaus, dass die Rahmenbedingungen und Anforderungen gerade in der Pandemie-Situation geklärt werden, um die Bedarfe zu erheben. Auf dieser Basis können Maßnahmen entwickelt werden, welche z.B. durch Flexibilität von Arbeitsort und -zeit den Druck auf die Eltern unter den Mitarbeitenden minimieren. Diese Maßnahmen sollten regelmäßig auf Kohärenz und Flexibilität überprüft werden, sodass evaluiert und eventuell nachjustiert werden kann. Idealerweise gehen diese grundlegenden Schritte in einen ständigen Kreislauf über, in dem Mitarbeitende und Unternehmensführung bzw. Personalabteilung ständig im Gespräch bleiben und etwaige Maßnahmen weiterentwickeln oder neu konzipieren, um dauerhaft für optimale Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Alltag und in jeder kurz- oder langfristig herausfordernden Situation zu sorgen. Dies trägt dazu bei, Familienbewusstsein dauerhaft im Unternehmen zu stärken und fest zu verankern.

All das ist natürlich auch auf pflegende Angehörige übertragbar, die zwar leicht anders gelagerte Herausforderungen zu bewältigen haben, aber dennoch auch von den familienfreundlichen Angeboten profitieren und auf sie angewiesen sind.

Anschließend an den Impulsvortrag gewährten zwei Bielefelder UnternehmensverterterInnen Einblicke in ihre jeweilige familienfreundliche Personalpolitik.
So erzählte Nina Tölke, Mitarbeiterin im betrieblichen Gesundheitsmanagement bei Diamant Software GmbH, von den dortigen Maßnahmen. Die Möglichkeit des mobilen Arbeitens wird v.a. seit Beginn der Pandemie deutlich mehr als vorher genutzt; hierzu existiert auch eine Betriebsvereinbarung, um einen Rahmen sicherzustellen.

Zusätzlich zu regelmäßigen Befragungen werden die Bedarfe der Mitarbeitenden teils in einer kleinen Arbeitsgruppe entwickelt oder Impulse aufgegriffen. Über ein „Sounding-Board“ wird dann in die Belegschaft gehorcht, ob Interesse bzw. Bedarf an bestimmten familienbezogenen Angeboten besteht. Wird dies bejaht, werden die Angebote (bspw. ein Workshop zum Zeitmanagement „Elternuhren ticken anders“) in die Tat umgesetzt.

Auch die Möglichkeit, ohne Vorlage eines ärztlichen Attestes wegen der Erkrankung eines Kindes einen Tag freizunehmen ist ein Angebot, das sehr dankbar angenommen wird. Aufgrund des vertrauensvollen Verhältnisses untereinander wird im Unternehmen davon ausgegangen, dass bei keinem der Angebote Missbrauch betrieben wird.

Das Thema Familienbewusstsein ist bei Diamant Software GmbH im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements und damit ganz nah an der Personalabteilung angegliedert.

Als Familienunternehmen mit über 150jähriger Tradition gehört die Familienfreundlichkeit bei Hebie GmbH & Co. KG zur „DNA des Unternehmens“, wie der Geschäftsführer Christian Junker ausführt. Anders als bei Diamant Software ist das Thema Familienfreundlichkeit jedoch bei Hebie GmbH & Co. KG im Bereich CSR (Corporate Social Responsibility) angesiedelt. Ein eigener CSR-Manager wirkt dort darauf hin, dass die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals/ „SDGs“), in allen Bereichen des Unternehmens umgesetzt werden. Hierzu zählt auch die Familienfreundlichkeit.

Gerade während der Pandemie sind auch bei Hebie besondere individuelle Situationen aufgetreten, die in einem produzierenden Unternehmen schwieriger zu handhaben sind. So wurde beispielsweise einer alleinerziehenden Mutter im Produktionsbereich ermöglicht, ihr Kind im Grundschulalter mit in den Betrieb zu bringen; ganz in der Nähe des Arbeitsplatzes der Mutter konnte sich das Kind in einem eigens dafür eingerichteten Bereich aufhalten, solange die Schulen geschlossen waren. Auch weitere Möglichkeiten der Flexibilisierung wurden eingeführt bzw. ausgebaut.

Keines der Unternehmen hat einen festen Katalog von Maßnahmen, der die familienfreundlichen Angebote final zusammenfasst. Gerade in besonderen Situationen werden eher individuelle Lösungen vereinbart, um der jeweiligen Herausforderung gerecht zu werden. Dies hat bisher nie zu Neid oder Missgunst seitens der anderen Beschäftigten geführt, die gerade keine „Sonderbehandlung“ oder vermeintliche Vorteile genießen. Christian Junker ist sich sicher, dass es aber leicht vermittelbar wäre, falls jemals eine Diskussion in dieser Richtung aufkommen sollte.

„ausgezeichnet familienfreundlich“ fanden die Stadt Bielefeld und KooperationspartnerInnen diese beiden Unternehmen und haben ihnen die entsprechende Auszeichnung 2021 verliehen.

Abschließend informierte Vera Wiehe von der WEGE Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH noch über das Verfahren „ausgezeichnet familienfreundlich“ im laufenden Jahr. Bis Ende März 2022 ist eine Bewerbung von Bielefelder Unternehmen noch möglich. Die erforderlichen Bewerbungsunterlagen finden Sie hier.

Veranstalterinnen des Online-Seminars waren das Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL, die Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld sowie die WEGE Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH und zusätzlich das Bündnis für Familien der Stadt Bielefeld.

 

Bilder oben: Dr. Regina Ahrens | Vereinbarkeitsexpertin; Christina Rouvray | Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL; Nina Tölke | Diamant Software GmbH 

Bilder unten: Christian Junker | Hebie GmbH & Co. KG; Vera Wiehe | WEGE Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld mbH